Mein Weg vom Kongo nach Europa

Lebensgeschichte(n) als Globalgeschichte mit Bezug auf den aktuellen Flüchtlingsdiskurs

Die hier vorgestellte Biographie von Emmanuel Mbolela steht für eine Geschichte von grenzüberschreitenden Beziehungen, Interaktionen, Transfers und Netzwerken. Solche mikrohistorischen Ansätze der so genannten „life histories“ liefern dabei einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der historischen Praxis persund offenbaren die inneren Widersprüche und Fragmentierungen globalgeschichtlicher, politischer und ökonomischer Entwicklung.

Allerdings weist der akteurszentrierte Ansatz Schwächen auf. Wie Bernd Hausberger aufzeigt, ist die Versuchung groß, ausgewählte Personen und ihren Lebenslauf zur „Inkarnation eines kollektiven Lebenslaufs, etwa ‚des Händlers‘, ‚des Sklaven‘ oder ‚des Missionars‘ zu machen und so in das Leben eines Individuums die Erfahrungen einer ganzen Gruppe hineinzupacken.“ (Hausberger 2006: 12)

Dahingehend stehen die in diesem Exponat skizzierten Erfahrungen von Emmanuel Mbolela, einem ehemaligen Studenten der Demokratischen Republik Kongo, der aufgrund seines politischen Engagements in der Opposition aus dem Land fliehen musste, keinesfalls stellvertretend für „die Flüchtlinge“. Vielmehr legt Mbolelas „Weg vom Kongo nach Europa“ den Blick auf zahlreiche Dimensionen frei, die mit der Flucht verknüpft sind: neo-koloniale Abhängigkeitsverhältnisse des Heimatlandes, Elitismus, Korruption und politische Verfolgung, Rassismen und beanspruchte Autochthonie (vgl. Geschiere 2009), Grenzregime aber auch Solidarität, politischer Aktivismus und unentwegtes Neuschöpfen von Hoffnung.

Emmanuel Mbolelas Geschichte ist insofern auch interessant, weil sie die Möglichkeiten und Spielräume aufzeigen, die sich für die Handlungskompetenz des Individuums bieten. Seine politische Arbeit in Rabat für das Netzwerk ARCOM ermöglichte es ihm letzten Endes, Asyl in den Niederlanden zu erhalten ohne den Weg über das Mittelmeer wagen zu müssen wie viele andere.

Gleichwohl zeigen Mbolelas Schilderungen auch Immobilität auf – Individuen, die an einem gewissen Punkt ihres Weges nach Europa an ihre eigenen Grenzen (physisch, finanziell, psychisch, ..) gelangen oder an die Mauern und Zäune, die die spanischen Enklaven Ceuta und Melila abschirmen sollen.

Literatur:

Geschiere, Peter (2009): The Perils of Belonging. Autochthony, Citizenship, and Exclusion in Africa and Europe. Chicago, London: University of Chicago Press.

Hausberger, Bernd (2006): Globalgeschichte als Lebensgeschichte(n). In: Hausberger, Bernd (Hg.): Globale Lebensläufe. Menschen als Akteure im weltgeschichtlichen Geschehen. Wien: Mandelbaum, 9-27.

Mbolela, Emmanuel (2014): Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil. Wien: Mandelbaum.

Reybrouck, David Van (2013): Kongo. Eine Geschichte. Berlin: Suhrkamp.